Milchstrassen-Fotografie in Andalusien

Fotografie der Milchstrasse

Anfangs Winter, wenn die Tage kürzer werden, schauen wir wieder vermehrt an den Himmel. Der Sonnenuntergang findet noch vor dem Nachtessen statt und man kann wunderschöne Bilder während der blauen Stunde aufnehmen. An Stellen mit wenig Lichtverschmutzung sieht man so viele Sterne, dass man den Polarstern und den kleinen Bären erst nach genauerem Suchen entdeckt, der grosse Wagen ist hier im Süden zu dieser Jahreszeit am Abend fast komplett unter dem Horizont. Haben sich die Augen nach einigen Minuten an die Dunkelheit gewöhnt, so wird das helle Band der Milchstrasse klar sichtbar, wunderschön.

Und uns juckt es natürlich, diese Nachtmotive abzulichten. Zwar haben wir die grosse Astrofotografie-Ausrüstung nicht dabei, doch für die Milchstrasse braucht es primär ein Stativ und ein Weitwinkel- oder Superweitwinkel-Objektiv. Im Internet findet man wunderschöne und farbenprächtige Bilder mit der Milchstrasse, allerdings wurden die meisten davon im Frühling, Sommer oder Herbst aufgenommen, denn nur zu diesen Jahreszeiten ist das farbig erscheinende Zentrum der Milchstrasse bei uns sichtbar. Jetzt im Winter sehen wir einen andern Teil der Milchstrasse, der weniger Farben hat.

Aber wir sind jetzt hier und versuchen es trotzdem. Bereits in der Region von La Coruña nahmen wir unser erstes Milchstrassenbild auf (da wo die Kamera mit Stativ umfiel). Wir merkten rasch, dass die wenig farbige Winter-Milchstrasse ohne Vordergrund etwas langweilig wirkt. Je interessanter der Vordergrund und je besser dieser mit dem Hintergrund zusammenwirkt, umso spannender wirkt die Gesamtkomposition und damit das Foto. Mit Hilfe der Webseite und App Wikiloc sowie auf Karten verlinkten Wikipedia-Beiträgen (App Geopedia oder Pocket Earth) suchten wir Orte mit ansprechenden Motiven und möglichst wenig Lichtverschmutzung. Manchmal kann das durch die Lichtverschmutzung verursachte helle Licht allerdings auch einen positiven Akzent im Bild setzen.

Im folgenden unsere Resultate der vergangen zweieinhalb Wochen in chronologischer Reihenfolge:
(wie immer: aufs Bild klicken, damit es grösser und schärfer erscheint)

Aufnahmetechnik

  • Kamera fix auf Stativ (Nikon Z6 II), alles im Manuell-Modus (Blende, Verschlusszeit, ISO, Weissabgleich), elektronische (lautlose und erschütterungsfreie) Auslösung, Langzeitrauschunterdrückung aus, Objektivbrennweite 15mm, Blende 2 oder 2.8, ;
  • 20 Bilder à 10 oder 15 Sekunden, bei 6400 ISO, Schärfe liegt auf den Sternen: Mit diesen Verschlusszeiten bleiben die Sterne runde Punkte, aber der Vordergrund wird sehr dunkel;
  • Kamera bleibt unverändert auf dem Stativ, ISO auf 1600 reduzieren, Belichtung auf 120 – 180 Sekunden verlängern, Schärfe auf den Vordergrund: Damit wird der Vordergrund gut belichtet, Sterne werden zu Strichen;
  • der Mond sollte nicht oder nur ganz schwach scheinen;

Bis alles stimmt und die Aufnahmen auf dem Speicherchip sind, brauchen wir etwa 30 – 90 Minuten.

Bildbearbeitung

  • Mit dem Programm Sequator Astro Stacker (Windows, Freeware) werden die 20 Sternenfotos verrechnet, das neue Summenbild hat weniger Rauschen und die Sterne sowie die Milchstrasse treten etwas klarer und heller hervor;
  • Mit dem Programm Adobe Photoshop und dem kostenpflichtigen Plug-In Raya Pro 6 – IntraMask werden die gewünschten Teile vom Sternenfoto und dem Vordergrundfoto zu einem Bild zusammengefügt (mit Hilfe der Maskentechnik).

Der Aufwand am Computer für die ganze Herstellung und Bearbeitung dieses End-Bildes beträgt 2 – 5 Stunden. Das Schwierigste ist das genaue Maskieren des Horizontes, insbesondere wenn Bäume am Horizont sichtbar sind.

Mond und Venus

Um an unseren letzten Ort zu gelangen, durfte Jupi wieder mal etwas Piste fahren und da es stellenweise sehr steil sowie ausgewaschen war, sogar mit 4×4 und Getriebeuntersetzung. Genau diese Anfahrten zu etwas abgelegenen und schwierigen Astrofotografie-Standorten waren übrigens einer der Gründe, warum wir auf ein 4×4-Fahrzeug wechselten – und daraus resultierte dann bekanntlich die Beschaffung unseres Bimobil EX 366 im 2017.

Für die Lichtverschmutzung gibt es eine Skala von 1 – 10 nach Bortle, wobei Bortle-Klasse 1 keine Lichtverschmutzung und Bortle-Klasse 10 totale Lichtverschmutzung bedeutet, keine Sterne sind mehr sichtbar. An diesem Ort, in der Nähe der verlassenen Ortschaft El Mustio, hatten wir mit Bortle-Klasse 3 perfekte Bedingungen, was es in der Schweiz nur noch in den Alpen gibt.

Der Mond ging in einer schmalen Sichel langsam unter und hinter ihm folgte der Planet Venus. Weil es so klar war, sah man den nicht beleuchteten Teil des Mondes extrem gut. Als es ganz dunkel war, fotografierte ich mit meinem am Black Friday neu erworbenen Sigma-Objektiv (24-105mm/f4) sogar noch die Andromedagalaxie (M31), die zu uns naheste Galaxie. Natürlich ist sie nur als kleiner Punkt sichtbar, aber dank den Ringen klar ersichtlich.

Minen von Nerva und Rio Tinto

Ein weiteres interessantes Motiv fanden wir in der Region von Nerva und Rio Tinto, wo die Römer bereits Gold, Silber und später auch Kupfer förderten, später noch weitere Metalle. Ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden allerdings immer mehr Minen stillgelegt und gemäss Wikipedia wurde 2001 die letzte Mine geschlossen. Wegen den hohen Kupferpreisen wurde im 2016 aber der Betrieb wieder aufgenommen und wir sahen immer wieder riesige Lastwagen auf den roten Hügeln herumkurven sowie Förderbänder, die grosse Gesteinshügel aufschichten.

Während des Tages sind die verschiedenen Gesteinsfarben eine Wucht, insbesondere wenn die Sonne schön rein scheint, die aufgeschichteten Hügel wirkten auf uns sehr exotisch. In der Nacht hat uns vor allem ein Förderturm angesprochen, den wir als Vordergrund für unser Milchstrassenbild einzusetzen versuchten.

Dolmen-City

Als ich am Black Friday mein neues Objektiv bestellte, war die Frage, wohin dieses geliefert werden solle. Da Amazon sehr viele Locker und Abholorte hat, bestellte ich bei diesem Online-Shop und lies das Material nach Valverde del Camino senden, wo wir es in einer Papeterie abholen konnten, sehr praktisch. Die Lieferung wie auch der Abholservice waren gratis, weil ich über Amazon Spanien bestellte. Da die Internetseite komplett auf spanisch war, benutzte ich den Chrom-Browser, der die Seite sofort auf Deutsch übersetzte, auch sehr praktisch. Allerdings staunte ich mehrmals über die häufige Verwendung des Wortes «Herausforderung», z.Bsp. Herausforderung Bolliger… Was ist an meinem Nachnamen so herausfordernd? Auf einmal entdeckte ich dann, dass mein Vorname, Reto, das spanische Wort für Herausforderung ist. Alles klar.

Valverde del Camino scheint eine «Dolmen-City» zu sein, fanden wir doch um die Ortschaft herum an mehreren Standorten über ein Dutzend dieser aus unbehauenen Steinblöcken bestehenden Gräber aus vorchristlicher Zeit. Verschiedene davon versuchten wir als Vordergrund für die Milchstrassenfotografie einzusetzen, doch da sie sich in der Nacht nur wenig vom Vordergrund abhoben und oft von Bäumen umgeben waren, war es nicht ganz einfach, den Richtigen zu finden und zu einem ansprechenden Bild zu arrangieren.

Während des Tages und bei Sonnenschein sahen diese aus schweren Steinen bestehenden Grabgänge sehr speziell aus. Was hier wohl vor tausenden von Jahren für Riten abgehalten wurden? Mehrmals sahen wir auch Dolmen mit mehreren Grabkammern und zwei Mal war auch angedeutet, dass diese Dolmen nicht einfach so offen herumstanden wie heute, sondern möglicherweise Teile von zugedeckten Grabhügeln waren, äusserst interessant.
Und auf dem Weg zu einem sahen wir sogar Erdbeerbäume, auch Meereskirschen genannt. Gemäss Wikipedia kann daraus Wein, Likör oder Konfitüre hergestellt werden.

Komet C/2021 Leonard A1

Bei einem Dolmenstandort fanden wir auch einen guten Übernachtungsplatz für uns und Jupi. Wir sind jetzt ein zweites Mal hierhin gefahren und versuchten, den Kometen Leonard zu beobachten und wenn möglich zu fotografieren. Der Komet erhielt seinen Namen von seinem Entdecker, Gregory J. Leonard, der ihn am 3. Januar 2021 in Arizona als erster im riesigen Sternenhimmel fand. Seine Umlaufzeit beträgt übrigens 80’000 Jahre, passt doch irgendwie zu den Dolmen hier, nicht wahr?

Da der Komet der Sonne immer näher kommt, war er am 11. Dezember nur kurz vor der Morgendämmerung sichtbar. Von Auge konnten wir ihn direkt nicht sehen, doch auf dem Foto mit 30 Sekunden Belichtungszeit trat er klar hervor, wenn auch bei 105mm Brennweite natürlich nur sehr klein. Später konnte ich ihn auch mit dem Feldstecher sehen, als etwas unscharfes Gebilde. Aber super, wir konnten ihn am praktisch letztmöglichen Morgen beobachten.

Leider habe ich in der «Hitze des Gefechts» nicht daran gedacht, noch ein länger belichtetes Vordergrundbild zu erstellen, so erscheint dieser nun schwarz, trotz der schwachen Dämmerung. Damit die Sterne und der Komet nicht einfach Strichspuren wurden, habe ich diese Sternenbilder mit einem Star Tracker aufgenommen, einem kleinen Gerät, das die Kamera genau mit den Sternen mit dreht (Typ: iOptron SkyTracker Plus).

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