Russland – ohne russisch zu verstehen

Für unsere weitere Reise nach Russland, in die Mongolei und Mittelasien sind wir nicht alleine sondern haben uns „Abenteuer Osten / Seabridge“ angeschlossen. Da unsere Russischkenntnisse doch noch sehr in den Kinderschuhen stecken und doch sehr viele offene Punkte bezüglich notwendiger Einladung für die Visabeschaffung, Formalitäten Grenzübertritte bezüglich Fahrzeug, regelmässige obligatorische Registrierung bei den Behörden unterwegs und der Suche nach Übernachtungsplätzen vorhanden waren, erschien uns irgend eine „Zusammenarbeit“ mit einem erfahrenen Reiseanbieter sinnvoll.
Die für uns wichtigsten Punkte sind:

  • Erfahrung: „Abenteuer Osten“ hat einen sehr guten Ruf, praktisch alle sprechen russisch
  • Alle Behördengänge für die Visabeschaffung und die unterwegs vor Ort notwendigen Registrierungen werden einem abgenommen
  • Für uns ganz wichtig: Kein Konvoi fahren, ausser bei Grenzübertritten, d.h. jeder fährt am Morgen zu seiner Zeit los und kommt abends an, wann er will
  • Grenzübertritte werden aktiv betreut und man wird entsprechend vorbereitet
  • Routenwahl: Es werden immer die einfachsten Routen vorgeschlagen, eigene Alternativen sind aber möglich
  • Übernachtungsorte sind organisiert, meist in oder in der Nähe von grösseren Städten
  • Länderspezifische SIM Karten für das Smartphone werden organisiert (RUS: 8$ für 10 GB)

Weitere, für uns weniger wichtige Punkte aber „nice to have“:

  • Viele Ausflüge in den Städten werden organisiert (Rundfahrten mit Bus und ortskundiger Reiseleitung)
  • Ausflüge zu kulturellen Veranstalungen
  • Garmin-Nüvi GPS mit allen Karten (OSM/Open Street Map) wird abgegeben – oder man kann auch nur die Karten im Garmin-Format auf einer Micro-SD Speicherkarte haben, wenn man ein eigenes Garmin hat (was bei uns der Fall war)

Wir trafen unsere Mitreisenden am 30. Mai 2019 in Riga, 17 Fahrzeuge, 17 Pärchen. Vom Unimog bis zum Phönix-Liner war alles dabei, zusätzlich zwei Fahrzeuge mit je zwei Personen von „Abenteuer Osten“. Am späteren Nachmittag gab es ausführliche Informationen zum morgigen Grenzübertritt nach Russland, es schien kein Hexenwerk zu werden. Am nächsten Tag fuhr dann jeder für sich los und einige Kilometer vor der Grenze traf man sich, dann ging’s gemeinsam zum ersten „Abenteuer“. Hier erlebten wir dann gleich die Vor- und Nachteile dieser „betreuten Reise“: Auf der einen Seite lief alles sehr glatt, wir wussten genau was auf uns zu kommt, kannten die meisten Formulare bereits. Unsere Gruppe bekam zwei eigene Spuren zugeteilt, doch durch die Gruppengrösse von 19 Fahrzeugen war der Grenzübergang überlastet und die Abfertigung dauerte rund 4.5 Stunden pro Fahrzeug. Auf der andern Spur für die nicht gruppenbetreuten brauchte ein Fahrzeug nur etwa die halbe Zeit. Generell lief alles sehr korrekt ab, die Beamtinnen und Beamten sprachen auch etwas englisch, die Formulare waren teils mehrsprachig.
Nach der Grenze fuhr jeder für sich weiter nach Pskow auf einen ziemlich neuen Campingplatz wo es am darauf folgenden Tag eine erste Stadtbesichtigung gab, bei der wir die ersten russisch orthodoxen Kirchen besichtigten. Weiter fuhren wir über Derbovezh nach Moskau, wo es zwei ganze Tage Aufenthalt gab. Am ersten Tag namen wir noch am organisierten Ausflug zum roten Platz und Kreml teil (mit weiteren Kirchen) am zweiten Tag unternahmen wir einen eigenen Ausflug ins Kosmonautenmuseum (Raumfahrtmuseum) sowie dem angrenzenden Park „Errungenschaften des Volkes“, der uns mit seinen sehr grosszügigen Anlagen extrem gefiel und auf dem ebenfalls noch Luft- und Raumfahrttechnik ausgestellt ist. Im Raumfahrtmuseum durfte man leider nur mit dem Smartphone fotografieren.

Eine grosse Frage für uns im Vorfeld war: Was kann man in Russland alles für Lebensmittel kaufen, wie viele Vorräte von was genau sollten wir von der Schweiz, Deutschland oder Lettland mitnehmen? Die ganze Angst war unbegründet, es gibt in Russland und insbesondere bei den Grossstädten im Westen Russlands teils gigantische Supermärkte wo man alles erhält! Vor Moskau haben wir einen „Globus“ besucht, der nicht weniger als 86 (sechsundachzig) Kassen besass, so was hatten wir alle noch nie gesehen, auch Selfscanning ist natürlich möglich.
Und die Preise sind extrem tief, vieles weniger als halb so teuer wie in der Schweiz, was auch auf den Diesel zutrifft, der in Euro-5 Qualität schlappe 70 Rappen pro Liter kostet, also weniger als die Hälfte wie in der Schweiz. Bis jetzt konnten wir auch praktische überall mit Kreditkarte bezahlen, Bargeld benötigten wir nur für Eintritte oder an Marktständen.

Doch wie wissen wir genau, was wir einkaufen, da wir ja kein russisch verstehen und noch weniger selber sprechen? Einerseits ist es hilfreich, die kyrillschen Zeichen zu kennen, dann versteht man bereits viele Wörter, weil sie gleich lauten wie im Deutsch, Französisch oder Englisch. Andererseits haben wir auf unseren Smartphones die App „Google Translater“ so installiert, dass die Übersetzung von Russisch nach Englisch und umgekehrt auch offline funktioniert. So können wir mit der Kamera auf eine Etikette zielen und die englischen Wörter werden dann sofort eingeblendet (Russisch – Deutsch geht scheinbar noch nicht offline).
Für das Tanken haben wir von „Abenteuer Osten“ die wichtigsten russische Begriffe erhalten wie Diesel, was ebenfalls Diesel auf russisch heisst oder „Volltanken“ oder die entsprechende Literzahl. Bis jetzt funktionierte es immer und wir konnten auch immer mit Kreditkarte bezahlen.

Die von „Abenteuer Osten“ vorgeschlagenen Routen für die Tagesetappen sind jeweils die kürzesten und schnellsten Verbindungen zwischen A und B. Die Strassen waren meist einspurig, ab und zu zweispurig und die Ringe um Moskau hatten bis zu sechs Spuren pro Fahrtrichtung. Autobahnen in unserem Sinne waren es aber nicht, eher Highways wie in den USA, wo alles drauf fahren darf, es Bushaltestellen gibt und man auch U-Turns fahren kann. Mindestens zwei Drittel der Fahrzeuge sind LKWs und etwa ein Drittels PWs, die versuchen die LKWs an den unmöglichsten Stellen zu überholen. Da die Tagesetappen (bis jetzt) meist überschaubare Längen hatten, haben wir deshalb schon ab dem zweiten Tag Alternativrouten gesucht. Auf diesen herrscht viel weniger bis gar kein Verkehr, man fährt durch die Ortschaften und sieht so sehr viel Interessantes. So hat z.Bsp. fast jedes Haus einen Stromanschluss, aber scheinbar nur die wenigsten Wasser- oder Telefonanschluss. In jeder Ortschaft findet man noch eine Telefonkabine und auch eine Wasserstelle, manchmal sogar Ziehbrunnen.

Meist fuhren wir alleine, ab und zu trifft man aber ein anderes Fahrzeug der Gruppe, das die gleiche Strasse wählte. Je mehr wir gegen Osten kamen, umso öfters waren die Alternativrouten nicht asphaltiert sondern Naturstrasse, manchmal gekiest, manchmal auch nur Erde oder sandig. Solange es trocken war kaum ein Problem, wurde es aber feucht konnte es sumpfig werden. Einmal waren wir deshalb auch stecken geblieben: Eine kleine feuchte Stelle entpuppte sich als viel weicher als angenommen und wir sanken mit dem hinteren rechten Rad ziemlich ein. Mit 4×4 kamen wir nicht raus, irgendwie funktionierte die elektr. Traktionshilfe (Sperre) nicht. Kaum hatten wir unsere Schaufel hervorgeholt um uns auszugraben kam schon der erste Russe vorbei und fragte: „Traktor?“, was wir dankend ablehnten. In der Nähe wäre auch noch ein LKW der Gruppe gewesen, der uns ebenfalls hätte rausziehen können. Und nach etwa 20 Minuten waren wir frei, wir hatten Steine, Äste und einen gefunden Karton unter dir Räder gelegt, und mit viel Gas klappte es. Wie wir nachher nochmals im Handbuch durchlasen muss man in einer solchen Situation möglichst mit Vollgas anfahren, damit die elektronischen Sperren von unserem Mercedes Sprinter greifen, sie nehmen dann die Kraft von den durchdrehenden Rädern weg. Gibt man nur „süferli“ Gas, so drehen die Räder im Schlamm einfach durch.

Ein anderes Mal fuhren wir zusammen mit Sabine und Ulrich eine Alternativroute, wo es eine Fährpassage über die Wolga gab. Da Ulrich etwas russisch spricht, konnte er vor Ort bezüglich der Fährpassage nachfragen. Die Strasse dorthin zwar nicht immer einfach, d.h. teilweise mehr Schlaglöcher als Asphalt, dafür wurden wir am Fährort (Makarevo) mit schönen Häusern, einem grossen Kloster und einem riesigen Strand entschädigt. Wir mussten dreieinhalb Stunden auf die Fähre warten, da wir aber beide noch nicht gefrühstückt hatten, war dies keine Problem und so verbrachten wir einen wunderbaren Tag. Viele Einheimische kamen zu uns und fragten nach woher und wohin, dank unseren Klebern mit der Route auf den Fahrzeugen konnten wir auch dies erklären sowie einige Besichtungen durchführen – sehr spannend – obwohl wir doch kein russisch sprechen…
Am Abend kamen wir dann gegen 21 Uhr am Etappenort an. Die Reisebegleitung von Abenteuer Osten haben wir natürlich mehrmals über unsere Route und geschätzte Ankunftszeit informiert, so dass keine Probleme entstanden.

Ein anderes Mal wollte uns ein umgestürzter Baum den Weg versperren, doch dank unserer Wendigkeit hatte er die Rechnung ohne uns gemacht und wir konnten um ihn herum kurven, noch kurz etwas mit 4×4 durch „Dreck“ fahren und schon waren wir wieder auf der Strasse. Einmal überquerten wir eine etwas abenteuerlich aussehende Brücke, andere Male entdeckten wir so aber auch wunderschöne Rastplätze, auf denen man problemlos übernachten könnte. Es gibt nur ganz selten Verbotsschilder.

In Kasan, der Hauptstadt der teilautonomen Republik Tatarstan, besuchten wir neben Kirchen zum ersten Mal auch Moscheen, eine sogar von innen. Die Stadt liegt an der Wolga, rund 850 km östlich von Moskau, und hat über eine Million Einwohner. Kasan war eine der Spielstädten der Fussball-WM 2018 in Russland und den Deutschen „bestens“ in Erinnerung, weil sie hier ausgeschieden sind. Dieses Jahr finden übrigens die Berufsweltmeisterschaften hier statt. Neben der „normalen“ Tagesführung wurde auch ein Besuch am Abend organisiert, denn die Altstadt sei sehr schön beleuchtet. Leider fuhr dann ein überschneller russischer Autofahrer in unseren Reisecar, ausser etwas Blech-/Plastickschaden passierte zwar nichts, aber wir verloren wegen der (polizeilosen) Unfallregelung viel Zeit und es stand nachher nur noch wenig Zeit zum Fotografieren zur Verfügung stand. Trotzdem war die beleutete Stadt sehr beeindruckend.

Wir kamen näher und näher an den Ural, dem Ende von Europa. Wir sahen neben russischen Cowboys, die Kuhherden bewachten, sehr viele Ölförderpumpen von Lukoil aber keine Berge, höchstens niedrige Hügel. Der Ural ist ein sehr langsam steigendes Gebirge, im Norden bis auf 1’800müM, südlich von uns auch bis über 1’600 müM. Doch die Hauptverkehrsroute wählte sich natürlich den niedrigsten Punkt, dessen Übergang bei rund 400 müM liegt und wir sahen deshlab kaum erwähnenswerte Erhebungen bis Jekatarinburg, der letzten Stadt in Europa. Bezüglich Wetter erzählte man uns: Im Ural ist es 8 Monate kalt und vier Monate sehr kalt. Bei uns halbierten sich die Temperaturen in den letzten Tagen von 25 – 30C auf noch 12 – 17C.

Aktuell haben wir 6’600km auf dem Tacho, bis zum Baikalsee sind es nur noch 3’500km, dort rechts abbiegen und wir sind schon fast in der Mongolei. Asien, wir kommen.

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